Kiss – Carnival of Souls (1997)

Es ist das Jahr 1978. In einem Dachgeschosszimmer in Lübeck Eichholz sitze ich, 4 Jahre alt, mit meinem Cousin Uwe. Er legt eine Schallplatte auf: Destroyer von KISS. Überall sind Poster der Band an der Wand. Er sitzt nickend vor mir. Die Musik scheint ihm zu gefallen, nein er feiert sie.

Ich bin etwas überrascht über diese, für meine jungen Ohren, doch harten Töne. Aber irgendwie bringt es etwas in mir zum Schwingen, wie eine Glocke die leicht angeschlagen wird und mitschwingt: Resonanz. Ich glaube, das war der Zeitpunkt an dem ich lernte Rockmusik zu lieben. Als damals Detroit Rock City aus den Boxen quoll, habe ich mein Herz an die harten Töne verloren. Bis heute..

Ich möchte diesen Review meinem Cousin und Patenonkel Uwe Siemssen widmen, den die Welt leider viel zu früh an das Arschloch Krebs verloren hat. Er ist der größte KISS-Fan den ich kenne. Danke, Uwe: für die Flamme die immer noch in meinem Herzen brennt!

Der Karneval der Seelen

Und genau diese Flamme hat über die Jahre alles überdauert – jede Phase, jeden Trend und jeden Besetzungswechsel dieser Band. Sie brannte auch fast 20 Jahre später noch, als wir das Jahr 1997 schrieben. Ein Jahr, in dem KISS ein Album veröffentlichten, das so weit weg von dem bombastischen Stadion-Rock von Destroyer war, wie es nur irgendwie ging.

Die Masken waren, zumindest während der Aufnahmen, längst gefallen, der Sound war tiefer gestimmt, zähflüssig und von der Grunge-Welle der 90er Jahre gezeichnet. Carnival of Souls war ein Schlag ins Gesicht für viele Hardcore-Fans. Ein düsteres, wütendes „schwarzes Schaf“ in der Bandgeschichte. Doch genau diese ungewohnte Schwere und Härte macht das Album für mich so besonders. Es ist an der Zeit, einen Blick in die Dunkelheit zu werfen…

Dem legendären Ausspruch von Gene Simmons folgend, der sagte die Grungewelle der Anfang 90er hätte Rock und Metal „uncool“ werden lassen, hätte dieses Album nie zustande kommen dürfen. Anders als zu erwarten klingen die Herren rund um den God of Thunder jedoch sehr grungig, mal sludgy, mal stampfig an einigen Ecken und Kanten der Scheibe.Rund ist die Sache trotzdem. Man merkt eben doch, dass die Formation zumindest zur Hälfte nur so von Erfahrung strotzt und leicht adaptiert was Bruce Kulick und Eric Singer , die Filii im Knabenchor, da offensichtlich an frischem Wind in die Bude gebracht haben.

Herausgekommen ist ein Album, dass man von KISS so in den 90ern auf keinen Fall erwartet hätte. Die Songs sind bleiern und doch auf eine seltsame Art und Weise verspielt. Bert Eisen, besser bekannt als Paul Stanley gibt hier eine sehr gute gesangliche Performance, man nimmt ihm stimmlich den nötigen Weltschmerz sogar ab.

Was Herrn Simmons angeht, der ja eher der Typ Rampensau ist, lässt sich nur spekulieren, immerhin möchte er ganz speziell dieses Album eher ungeschehen machen. Vollkommen unverständlich warum.

Master and Slave ist ein ungeheuer starker Song. Im Kern geht es in diesem Song um den zermürbenden Kampf zwischen depressiver Erschöpfung und einem letzten, explosiven Überlebensdrang. Ein, für die Verhältnisse von KISS eher schweres Thema. Aber genau diese Ernsthaftigkeit verhilft der Band zu Echtheit.

Hate spielt gekonnt auf den, aus dieser Depression entstehenden Zorn an. Dass Simmons den Song intoniert, scheint kein Zufall zu sein. War es am Ende die Katharsis bezüglich des gesamten Werks?

Rührselig, im kiss-schen Sinne, wird es bei der unvermeidlichen Ballade I will be there. Diesen Song hat Stanley seinem Sohn gewidmet. Die Aussage ist schon ein starkes Commitment und öffentliches Statement eines Vaters. Auch das wirkt, fernab von der üblichen Maskerade, erfrischend ehrlich.

Carnival of Souls zählt für mich, gerade weil es so ungewöhnlich und für KISS-Verhältnisse ein sperriges Album ist, zu den Besten ihrer Karriere. Songs wie Hate und Master & Slave kommen sehr gut im Ohr an.

Simmons singt Childhoods End in Moll, vollkommen gegen alle Konventionen der Band. Er wirkt, im Gegensatz zu seinem sonstigen Ego tatsächlich wie ein Mensch. Kein Demon, keine Show. Kurz blitzt zwischen den Zeilen eine Persönlichkeit auf, die man sonst nie erkennt. Ein verletzlicher Simmons? Das ist eigentlich ein Widerspruch in sich!

Textinhaltlich schließt sich mit Childhood End der Kreis zu Uwe. Irgendwann müssen wir Abschied nehmen, alles ist vergänglich. Doch irgendetwas bleibt: eine Spur. Eine Flamme. Für mich ist und bleibt dieses Album deshalb etwas Besonderes!

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