ÆCHŒS – White Noise (2025)

Wo zum Teufel kommt das her?

Vor einiger Zeit erreichte mich eine Nachricht über Instagram, mit der Bitte, das Album einer mir bis dato gänzlich unbekannten Band namens ÆCHŒS anzuhören.

Mal sehen, was uns „die Katze“ da vor die Tür gelegt hat – Spoiler: Es ist kein zerzauster Spatz, sondern eine Produktion, die mich auf Anhieb beeindruckt hat! Ob dieser Eindruck tragfähig ist, möchte ich in meinem Review erörtern.

Triggerwarnung: Femizid / Toxische Beziehungen

Die Opener White Noise und Thunderborn setzen den Rahmen mit einer interessanten Mischung aus atmosphärischem Rock und progressiven Elementen. Während White Noise durch dezente Anleihen an Zeal & Ardor und Ayreon besticht, zeigt Thunderborn ein Gespür für eingängiges Songwriting, das Fans von Ghost abholen dürfte. Eines nehme ich schon mal vorweg: Die Lyrics des Langspielers sind es grundsätzlich wert, genauer hinzuhören.

Inhaltlich liefern ÆCHŒS ein vielschichtiges Konglomerat aus Prog, Post-Grunge und klugen Pop-Rock-Akzenten, das in seiner Tonalität, von wenigen Ausnahmen abgesehen, einen düsteren Grundtenor hat. Auf der emotionalen Ebene funktionieren die Lyrics hervorragend, denn die Texte sind kein Beiwerk. Ich empfehle genauer hinzuhören, um das Gesamtwerk richtig zu würdigen. Hier ist inhaltlich ordentlich Fleisch am Knochen.

Das „Duo Infernale“

Den Überschwang bremst die Ballade A Fragile Flame Called Love aus, die in ihrer Einfachheit zunächst wie ein Fremdkörper wirkt – redundant und fast schon bemüht platziert. Doch der Eindruck täuscht, sobald man die Lyrics betrachtet: Die Unsicherheit des Protagonisten („I hope your heart still holds my hand“) spiegelt die fragile Grundstimmung des Songs und damit auch die unstete Flamme der Liebe wider.

Im krassen Gegensatz dazu steht The Arsonist. Dieser Song ist perfide. Während die Musik eingängig ist, schneidet der Text tief: Ein Mann verbrennt seine Ex-Partnerin im Liebeswahn – das ist hart an der Schmerzgrenze.

Hier drängt sich mir der Vergleich mit der düsteren Caleb-Saga von Sonata Arctica auf: Das Thema Femizid wird erschreckend anschaulich ins Bewusstsein gerückt und entfaltet genau jene schockierende Wirkung, die diese Thematik verlangt.  

Dass die Band die Täterperspektive wählt, ist ein riskantes Manöver und birgt die Gefahr der Glorifizierung. Doch durch die groteske Emotionslosigkeit des Protagonisten am Ende des Songs wird der besungene Täter nicht zum Helden, sondern endgültig zur klinischen Fallstudie. Nicht das Mitgefühl mit dem Opfer steht im Zentrum, sondern die Demaskierung des Täters – bei einem so schweren Thema bittere Notwendigkeit.

Möglich, dass ÆCHŒS diese gesellschaftspolitische Radikalität gar nicht im Sinn hatten. Doch handwerklich ist das Material so präzise gearbeitet, dass es diese schwere Interpretation nicht nur aushält, sondern förmlich provoziert.

Gibt es Hoffnung?

The Final Curtain setzt noch einen drauf: Mit deutlichen Dream-Theater-Vibes unterstreicht der Song die spielerische Brillanz der Band. Es ist der zentrale Befreiungsschlag des Werks – ein Aufbruch zu neuen Ufern, der den Vorhang fallen lässt. Nach der vorangegangenen schweren Kost wirkt dieser Funke Optimismus wie eine energetische und inhaltliche Wohltat.

Ein ähnliches Profil zeigt The Shape of Hope. Ohne in eine billige Kopie zu verfallen, erinnert der Song tonal an Soundgardens Black Hole Sun. Doch wo dort der „schöne Zerfall“ herrscht, propagiert ÆCHŒS den Wiederaufbau. Die hymnenhafte Anmutung verleiht der Hoffnung eine Form, die Demut abverlangt: Erst wer den Dreck schmeckt, kann wieder aufstehen. Ergo Hoffnung existiert!

Mysteriös. ÆCHŒS geben sich geheimnisvoll. /©ÆCHŒS

…oder doch nicht?

The Last Sunrise ist eine apokalyptische Hymne der Entropie. Markante Rhythmik und ein beunruhigender, messeartiger Chorgesang treiben die emotionale Dynamik bis zum Äußersten. Der flüsternde Begleitgesang unterstützt den Eindruck der Vergänglichkeit, denn ein letzter Sonnenaufgang existiert nur dann, wenn niemand übrig ist, um ihn zu sehen. Das abrupte Ende unterstreicht diese Erkenntnis gekonnt, was die apokalyptische Bildsprache nur schärfer macht.

Wenn Liebe giftig wird!

Toxic ist für mich das lyrische und musikalische Highlight des Albums. Das Stück groovt in einem 6/8-Takt-Konstrukt, das den Titel zu einer Art Anti-Hochzeitswalzer mutieren lässt – ein Rhythmus, der einen zynisch dazu zwingt wie ein Seemann im schweren Seegang einer untergehenden Beziehung mitzuschunkeln. Es zeichnet das Bild von Menschen, die im Wiegeschritt der gemeinsamen Einsamkeit verharren. Hier gelingt das Kunststück, echte Bilder zu malen und dem Song einen tiefgreifend künstlerischen Kern zu verleihen. Gekrönt von einem versierten Solo, zeugt Toxic von einem musikalischen Selbstbewusstsein, mit dem sich die Band technisch wie inhaltlich mutig aus der Deckung wagt. Ein kongeniales Alleinstellungsmerkmal, von dem ich auf dem Album gern mehr gehört hätte.

Der Schatten

Miles to… ist für mich der einzige Ausfall der Scheibe und zündet einfach nicht. Der Song wirkt musikalisch im Vergleich zum restlichen Material blass. Das Intro gleitet in seiner klinischen Tonalität leider in die musikalische Bedeutungslosigkeit. Das gesamte Stück kann, trotz der schönen Lyrics, schlichtweg keinen Spannungsbogen aufbauen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Gesang zu glatt wirkt.

Aber wo viel Licht, da auch Schatten. Schwamm drüber.

Pathos in der Stimme

Am Schluss gibt es mit War infernal noch eine echte Überraschung. Besonders der Einsatz des treibenden, mehrstimmigen Gesangs überzeugt: Durch ihn wird massiv Spannung aufgebaut, die den Hörer förmlich mit in den Refrain hineinsaugt. Das dortige heroische Pathos und die Stimmgewalt erinnern an Matthew Barlow. Das ist musikalisch, aber vor allem gesanglich on point!

Die Band zeigt hier das Potenzial zu einem starken eigenen Stil, der klare musikalische Wurzeln offenbart. Das Klavier am Ende ist ein schöner Schachzug, der positiv überrascht. Dadurch wird der Zuhörer in einer gewissen Nachdenklichkeit zurückgelassen.

Ein Klavier!? – ich sage nur War Infernal Outro. ©ÆCHŒS

Alles nur gestohlen?

Bei all den Referenzen wird sich der Leser fragen, wo der eigene Anteil der Band bleibt. Muss man das Rad immer neu erfinden? Nein – man muss die bestehenden Räder nur zu einem völlig neuen Gefährt zusammenbauen. Ich unterstelle der Band, dass sie stilistische Sicherheitsleinen nicht nötig hätte. Leidenschaft ist eingeflossen; technisch ist das Ergebnis eine absolut runde Sache. Das Ganze ist ein Parforce-Ritt durch verschiedenste Welten des Metal, ohne dabei auch nur eine Sekunde uninspiriert zu klingen.

Die Lyrics überzeugen durchweg mit einer bleiernen Schwere, die weit über Genre-Klischees hinausgeht, da die musikalische Stimmung die Aussage nicht nur begleitet, sondern förmlich untermauert. Seien es Themen wie permanente mediale Reizüberflutung bei White Noise oder die Ausweglosigkeit festgefahrener Beziehungen bei Toxic – die Messages jagen einen durch einen emotionalen Hindernisparcours. Diese lyrische Tiefe hat im aktuellen Metal-Zirkus zunehmend Seltenheitswert.

Wer steckt dahinter?

Dass hier keine Amateure am Werk sind, wird spätestens klar, wenn man den Vorhang lüftet: Hinter der Maske des Frontmanns ÆCHŒS_Alpha verbirgt sich Chris Bonner den viele noch als markante Stimme von Agathodaimon kennen dürften. Was wir hier auf die Ohren bekommen, ist jedoch meilenweit von den Fahrwassern seiner Ex-Band entfernt, was ich persönlich zu schätzen weiß.

Hinter der Maske des ÆCHŒS_Alpha: Chris Bonner / Ex-Agathodaimon / ©ÆCHŒS

Das visuelle Konzept der Maskierung ergänzt die geheimnisvolle Grundstimmung des Albums, auch wenn dieses Stilmittel im Genre mittlerweile fest etabliert ist. Wenn man anerkennt, mit welcher Konsequenz hier eine künstlerische Vision verfolgt wurde, kann man eigentlich nur eines sagen: Chapeau!

Fazit: Musikalische Visitenkarte mit Tiefgang

White Noise ist weit mehr als nur eine Überraschung. Auf handwerklich durchweg hohem Niveau gelingt es ÆCHŒS, aus einem gewaltigen Fundus an Referenzen etwas Eigenes zu formen, das vor allem durch seine lyrische Schwere und atmosphärische Dichte überzeugt.

Während die stilistische Vielseitigkeit für Musiker ein Fest ist, könnte der Mix aus Genres den Durchschnittshörer gelegentlich überfordern. Bei Toxic und War Infernal zeigt die Band jedoch ihr wahres, visionäres Gesicht. Hier wird deutlich: Diese Musiker müssen sich nicht hinter Masken oder Vergleichen verstecken. Wer dieses Album nur konsumiert, wird damit nicht glücklich – dieses Werk fordert genau das ein, was sein Titel verspricht: Es ist eben keine bloße Berieselung oder weißes Rauschen im Hintergrund.

Kurzum: Ein lyrisch und technisch hervorragendes Werk. Wenn ÆCHŒS in Zukunft den Mut findet, die Sicherheitsleine der musikalischen Zitate noch öfter zu kappen, steht der Weg ganz nach oben offen. Ein beeindruckendes Debüt, das man definitiv im Auge behalten sollte!